Leseproben

Leseprobe „How I Fucked Jamal“ (Milena Verlag)
Story "Die Impotenz im Schoße Europas", Autor: Jan Kossdorff
Am selben Abend liege ich mit Biljana in ihrem Wohnheim im Bett. Manchmal hören wir, wie andere Studenten in der Nachbarräumen Sex haben. Biljana lacht, ich finde es unerträglich. Es sind die selben Studenten, die mir zuzwinkern, wenn ich nach einem der vielen erfolglosen Versuche, Biljana zu befriedigen, in die Gemeinschaftsküche wanke, um mir ein Käsebrot zu machen und einen Tee zu trinken. Sie will in kein Hotel, und inzwischen weiß ich auch wieso: Sie möchte nicht, dass wir Geld verschwenden, das ich ihr auch so zustecken könnte. Wenn ich ein Unglück gegen das andere aufwiegen soll, dann wiegt jenes, dass ich nicht imstande bin, Biljana vernünftig zu ficken, schwerer als jenes, dass sie nur mit mir zusammen ist, weil ich sie bezahle. Sie ist zu schön, viel zu schön, das ist mein Dilemma. Ihr geschmeidiger, dunkler, glatter Körper, der jeden Traum, den ich je von einer Frau hatte wie die Skizze eines Blinden erscheinen lässt, beschämt und erschreckt mein altes Glied. Entweder kriege ich ihn gar nicht hoch oder ich komme in dem Augenblick, wo ich voll wahnwitzigem Verlangen in sie eindringe. Inzwischen spricht sie wie mit einem Kind zu mir, jeder Respekt ist längst verschwunden. In den Stunden, die wir zwischen vergeblichen Beischlaf-Bemühungen in ihrem Zimmer verbringen, telefoniert Biljana mit daheim. Ich schließe die Augen und es ist, als höre ich Radio in einem Mietauto während einer abendlichen Fahrt vom Strand zurück zum Hotel in Dubrovnik, lauter Nachrichten, die einen nicht betreffen, ein Land das man besucht, aber nicht versteht. In mir hat sich eine eigenartig abgeklärte Traurigkeit ausgebreitet, die Stunden in diesem Wohnheim sind der Abschied von meiner Jugend, meiner Männlichkeit und meiner Selbstachtung. Ich verliere sie für einige tausend Euro, die Biljana an ihre Mutter in Serbien schickt, damit ihre Familie gut durch den Winter kommt. Es ist kein Trost. Und mein Begehren lässt immer noch nicht nach.

Leseprobe „Spam! – Ein Mailodram“ (Milena Verlag)
Autor: Jan Kossdorff
Von Alex
Do, 12:03
An Bine
Betreff: Wer bin ich?
Hallo Bine!
Es geht mir nicht gut. Ich gehe sogar so weit zu sagen, es geht mir schlecht. Gäbe es ein Aspro, das groß genug wäre, meine Kopfweh auszulöschen, ginge es nicht in einem Stück in meinen Mund hinein.
Nach Durchsicht meiner Mails verdichtet sich der Verdacht, dass ich mich gestern nicht eben klug benommen habe, dermaßen, dass man schon getrost von einer Gewissheit sprechen kann. Aber immerhin weiß ich jetzt bescheid. Das ist weitaus angenehmer als der Status vor 2 Stunden:
Ich erwache. Mein erster Gedanke: Ohje, ich war saufen. Alle Indizien sprechen dafür: ein Geschmack im Mund, als wäre vor 14 Tagen unbemerkt eine Spitzmaus unter meiner Zunge gestorben; Durst wie nach dem Verzehr von 4 Scheibtruhen Sand und Schotter; Kopfweh biblischen Ausmaßes, bevor ich den Schädel auch nur einen Millimeter bewegt habe. Die Augen lasse ich vorsichtshalber noch geschlossen. Ok, Erinnerungs-Engine anwerfen! Ich kann mich erinnern, dass ich mit 12 ein Trampolin geschenkt bekommen habe, dann ist Schluss.
Zweiter Versuch: Ich bin bereits erwachsen, kein 12-jähriger kann so saufen. Ich arbeite in einer Internetfirma. Warm! Ich bin im Großen und Ganzen kein besonders glücklicher Mensch. Heiß! Das Meiste fällt mir jetzt wieder ein! Gut, jetzt vollen Fokus auf den gestrigen Abend!
Es ist nach 17 Uhr, und wir trinken Bier im Büro. Sehr gut, eine wichtige Erkenntnis. Was dann? Wir trinken immer mehr Bier. Stimmt, weiter so! Irgendwas mit Judith ... Oh nein! Sie fährt mit Holger nach Rom!
Ich wimmere und drehe mich auf den Bauch. Ein fataler Fehler. Mein Kopfschmerz jubiliert und sprengt Teile meines Kleinhirns in die Luft. Ich dreh mich langsam wieder auf den Rücken, weil ich so weniger versucht bin zu kotzen.
Was war nachher? Auf drei Erinnerungen bringe ich es noch, aber das sind wahnsinnig unscharfe Schnappschüsse, wo die wichtigen Teile des Motivs gar nicht drauf sind:
1.) Ich schreibe ein E-Mail, was mir extrem schwer fällt. Ich weiß nicht an wen.
2.) Ich tanze mit jemandem im Zimmer von den Entwicklern, die Musik kommt aus irgendeinem Rechner. Es ist ziemlich dunkel. Der Song ist "Say it ain't so", gespielt von den Deftones. Es riecht nach Whiskey und Zigarillos.
3.) Ich kotze aus Leibeskräften, ich kenne die Tapeten am Klo nicht. Da hängt ein Garfield-Kalender. Manchmal ist Garfield lustig, jetzt nicht.
Ich muss wahnsinnig dringend pissen und öffne die Augen. Das ist nicht meine Wohnung. Es ist auch nicht deine oder Werners Wohnung oder irgendeine, wo ich schon mal war. Es ist definitiv eine Fremdwohnung. Ich hebe die Decke: Ich bin nackt. Meine Nieren sind mir nicht entfernt worden, immerhin. Ich stemme mich mühsam hoch, finde meine Unterhose und mache mich auf die Suche nach dem Klo. Sicherheitshalber rufe ich in die Wohnung hinein, vielleicht ist ja jemand da, aber keine Antwort. In meinem Kopf hämmert es wie wahnsinnig, ich habe Kopfgeburtsschmerzen. Ich finde ein Klo, und da ist ja auch der Garfield-Kalender! Immer noch nicht lustig.
Nachher schaue ich mich in der Wohnung um: Es ist eine kleine Garconniere, bewohnt von einer Frau. Gott sei Dank. Ich sehe aus dem Fenster, die Gegend kenne ich nicht. Könnte genausogut Budapest oder Berlin sein. Mit wem kann da was gelaufen sein, frage ich mich. Da waren sicher 15 Mädels gestern. Ich setze mich an den Schreibtisch und beginne, die Lade zu durchsuchen. Ich finde Kontoauszüge, schaue nach, auf wen sie ausgestellt sind, und –schwupps! – meldet sich die Erinnerung zurück. Teilweise zumindest. Die gute Ulli also. Ich bin total erleichtert! Die hat Humor, die ist cool, die wird mir keine furchtbaren Szenen machen. Aber wird sie dicht halten? Schwer zu sagen ... Hm, ich hätte nicht gedacht, dass sie so gewaltige Brüste hat! Tja, man lernt Menschen eben verdammt gut kennen, wenn man sie flachlegt ... oder es versucht. Und wenn man dann noch ihre Kontoauszüge studiert: 55.000 im Plus, überfällt die alte Frauen? Anschließend dusche ich, esse alles, was Ulli in ihrem Medikamentenschrank hat, ziehe mich an und schnapp mir unten ein Taxi. Wir waren im hohen Norden von Wien und die Fahrt wird teuer.
So sieht's aus, Bine! Was ich dir auf die Box gelallt habe, weiß ich natürlich nicht. Wird wurscht sein. Das schlimmste an der ganzen Sache ist immer noch, dass Judith tatsächlich dieses Wochenende mit Holger in Rom verbringt! Das hab ich dir gestern noch geschrieben, das Mail hat sich aber verlaufen. Mir wäre zum Heulen zumute, wenn mir nicht so zum Kotzen zumute wäre.
Alex
Von Bine
Do, 13:03
An Alex
Betreff: AW: Wer bin ich?
Hi Alex!
Was du da hattest, nennt man in der Trendjournalismus-Sprache "One-Night-Stand". Was man so hört, und ich aus eigenen Erfahrungen weiß, ist er sogar vergleichsweise angenehm verlaufen. Bravo! Hast du schon mit Ulli drüber geplaudert? Ob man das Erlebnis im Nachhinein als gut und positiv oder idiotisch und unnötig einstuft, hängt nämlich sehr stark von diesem Gespräch ab! Vielleicht passiert ja das gleiche wie bei Manfred und mir: Nach dem One-Night-Stand-PILOTEN haben wir eine One-Night-Stand-SERIE draus gemacht. Nach zwei längeren Pausen sind wir jetzt schon in der 3. STAFFEL, und wie im echten Fernsehen werden die Dialoge immer platter. Eventuell führt das dann zu einem sog. SPIN-OFF, das heißt, eine Hauptfigur hat parallel dazu noch was mit wem anderen.
So eine Kuh, dass sie jetzt mit diesem Holger nach Rom fährt! Ich dachte, es wär aus zwischen ihnen?! Da is es wirklich gescheiter, du hältst dich an Ulli: Holz vor der Hütte, viel Kohle auf der Kante, und sie ziert sich nicht lange! Mir der versteh ich mich sicher auch gut.
Hab heute grässlich viel zu tun, vielleicht hören wir uns am Abend nochmal!
Baba, Bine
Von Alex
Do, 15:23
An Werner
Betreff: Ulli
Hi Werner!
Du verbringst eine Nacht mit einer Frau. Du lässt dich von ihr in ihre Wohnung schleppen, sie musste das Taxi bezahlen, du speibst, du versagst im Bett, dann liegst du neben ihr und schnarchst und stinkst. Die Konsequenz: Die Frau ist ernsthaft enttäuscht, weil du ihr sagst, dass das aller Voraussicht nach nicht nochmal passieren wird. Ist das normal?

Leseprobe „Sunnyboys“ (Milena Verlag), Kapitel 11
Autor: Jan Kossdorff
Jetzt geht es los: Die harten Drinks und die zunehmend skurriler werdenden Kommentare des Fürsten wecken meine Trinklaune und sorgen dafür, dass ich bald jede Lust verloren habe, zu einer einigermaßen vernünftigen Zeit zu Hause einzutreffen. Im Gegenteil: Alles, nur nicht nach Hause! Abschied nehmen heißt jetzt flüchten, kapitulieren, krepieren. Nein, das ist schlimmer als sterben: das Leben nicht verlieren, sondern es verschenken. Es ist beinahe 1 Uhr, als der Fürst mit seinem Vorschlag herausrückt: „Lass uns doch noch eine Freundin von mir besuchen. Sie ist Grafik-Designerin und sie hat eine Freundin, die ist auch Grafik-Designerin. Ich kenne sie aus der Hundezone!“ Ich weiß nicht, wie lange er schon geplant hatte, bei den Grafik-Designerinnen vorbeizuschauen, aber mit einem gewissen Abstand betrachtet drängt sich jedenfalls die Vermutung auf, dass unser gemeinsamer Ausflug von Anfang an dort hinführen sollte ... Wie auch immer, als er mit der Sache kommt, ist es der einzige Plan, den wir haben, also ist es ein wunderbarer Plan.
Der Fürst und ich schnappen uns ein Taxi und lassen uns in die Vorstadt führen, nach Penzing, ganz in die Nähe des Sauna- und Punk-Clubs „Sargfabrik“ und direkt ums Eck von der Großgärtnerei des Fürsten. Unterwegs legen wir noch einen Stopp bei einer Tankstelle ein und investieren in eine Flasche Prosecco. Das Haus, das der Fürst nach unserer Ankunft ansteuert, ist eine verwitterte ehemalige Schraubenfabrik, die zu einem Büro-Loft für junge freischaffende Medienleute, Internet-Startups und Künstler umfunktioniert wurde; im dritten und letzten Stock sind Privatwohnungen untergebracht worden. Der Fürst und ich betreten den unbeleuchteten Hauseingang und suchen die Türglocken. Mit dem Licht meines Handys gelingt es uns, die Klingel der richtigen Wohnung zu finden. Der Fürst läutet. Eine Minute lang passiert nichts, dann klingelt er erneut. Ich will schon den Rückzug antreten, als sich eine heisere, weibliche Stimme an der Gegensprechanlage meldet.
„Jaaaa?“
„Stanzerl, ma Chère, hier ist Leo!“
„Leo, Jesus.“
„Ja, ja, lass uns schnell rein, wir haben Sprudel im Gepäck.“
„Wen hast du denn bei dir?“
„Den bestaussehenden jungen Mann, den ich auftreiben konnte. Du wirst staunen!“
„Kann’s kaum erwarten ... Bibi schläft schon, ihr müsst leise sein, ok?“
„Aber ja, mach schon auf!“
Oben öffnet ein Schatten – ich nehme an Konstanze – die Tür erst einen Spalt breit und wirft einen Blick auf die beiden Mannsbilder im Hausflur. Ich wundere mich, dass die Frau die Tür nicht sofort wieder zuschlägt, sondern nach einem Augenblick wortlos beiseite tritt und uns den Weg in ihr Zuhause freigibt. Wir stehen in einem riesigen atelierartigen Raum, in dem leise Björk gespielt wird und der nur von drei Lampen punktuell beleuchtet wird. Eine erhellt eine Sofaecke, wo sich DVDs, Zeitschriften, benutzte Gläser und Aschenbecher den Platz streitig machen, eine Büroleuchte wirft ihren augenfreundlichen Schein auf einen Computerarbeitsplatz mit drei fetten 19-Zoll-Monitoren, über dem an der Wand ein Filmplakat von „Lost in Translation“ hängt, ein grelles, kleines Küchenlicht reißt ungewaschenes Geschirr, eine Espressomaschine, einen Haufen Postwurfsendungen und einen kleinen Mischlingshund, der auf einem Hocker sitzt und die Neuankömmlinge mit angelegten Ohren beäugt, aus der Dunkelheit. Als Konstanze das Neon-Oberlicht des Raumes andreht, stürzt blau-weißes Licht auf all die dunklen Winkel nieder. Ich bringe Ordnung in meine Mimik und lächle die Gastgeberin gutartig und hoffentlich unverdächtig an. Da meine Gesichtsmuskeln üblicherweise ein vorwitziges Eigenleben führen und Menschen, die mich nicht besonders gut kennen, ganz unvermutete Botschaften daraus lesen, erwarte ich gespannt, was die Hausherrin mit mir anzufangen weiß. Ich spüre ein Kribbeln am ganzen Körper, und ich weiß, es kommt daher, dass ich nun – was auch immer Konstanze von mir hält – versuchen werde, charmant zu sein, auf die Art, auf die Martina und Jenny hereingefallen sind, auf die Art, die ich mir längst verbieten müsste.
Konstanze ist eine große, extrem schlanke Kurzhaar-Blondine in Army-Hose, Tank-Top und Flip-Flops, mit roten Tattoos auf dem Oberarm und einem nicht gerade unauffälligen Silberblick. Ich schätze sie auf Anfang 40, und als sie mir die Hand zur Begrüßung reicht, bemerke ich an Muskulatur und Schwielen, dass sie Kletterin sein muss – oder im Alleingang den Abwasch des Hotels „Vier Jahreszeiten“ ums Eck erledigt.
„Und das ist er also, der bestaussehende Typ der Gegend! Ich muss endlich hier weg ziehen ...“
Bevor ich noch kontern kann, schnappt sie sich meine Hände, drückt sie sich an die Brust und fleht lachend: „Verzeihung, ich bin eine Schnalle, du siehst super aus, wirklich!“. Dabei blitzen ihre schiefen Augen, die in der befreiten Mimik jetzt von einem schönen, lebendigen Netz aus feinen Runzeln umgeben sind. Ihre Hände sind trocken, rau und kräftig und drücken immer wieder zu, als wäre eine Entschuldigung nicht genug.
In einem Punkt muss ich mir keine Sorgen machen – von Charme keine Spur, als ich hölzern sage: „Mein Zauber wirkt erst bei der zweiten Begegnung ...“.
Der Fürst ergänzt: „ ... weil du so eine gesetzte Art hast, an die man sich erst gewöhnen muss.“ Und zu Konstanze: „Er kommt leise, aber mächtig, verstehst du?“
Konstanze erblickt den Prosecco und schnappt ihn sich: „Oh wie schön, ich wollte schon bierher.at anrufen, aber die liefern ja nicht in den 14., die Langweiler.“
Konstanze macht sich daran, die Flasche zu öffnen, der Fürst entledigt sich seines Sakkos, und ich schlendere mit leise quietschenden Sohlen durch das Atelier. An den Wänden hängen verschiedene Siebdrucke: vergrößerte Ausschnitte eines SiFi-Comics, indische Kinoplakate und alle möglichen feinteiligen Grafiken, die vielleicht für Plattencover verwendet wurden. Ich betrachte den Zimmerschmuck ahnungslos wie eine Dogge ein Ballet – bei mir daheim hängt nichts an der Wand. Konstanze löscht das Oberlicht wieder. Auf ihrem Monitor läuft nun ein Bildschirmschoner, offensichtlich ein „Best of“ von Konstanzes Party-Fotos und Urlaubsschnappschüssen. Damit kenne ich mich schon eher aus: Stanzerl kann feiern, soviel ist klar.
Als wir alle ein Whiskyglas Prosecco in der Hand haben, fühlt sich der Fürst bemüßigt, einen Trinkspruch vom Stapel zu lassen: „In der Hundezone haben wir uns zuerst beschnüffelt, jetzt hänge ich an ihrer Leine!“. Er ahmt ein Hundeschnäuzchen nach, mit dem er sich ein Bussi abholen will. Konstanze hebt seine New York Kappe ein Stück an und krault ihm die vollen, silbergrauen Haare darunter. „So ein süßer Streuner, aber viel zu alt – der lernt nix mehr.“
Ich antworte und meine es völlig ernst: „Ich glaube, der kann schon alles.“
Konstanze lässt ab vom Fürsten: „Ui, das wird mir jetzt zu transzendent, ich muss mich mal setzen.“ Sie lässt sich mit ihrem Glas und der Sektflasche ins Sofa fallen. Im Licht der Couchlampe sehe ich, dass ihr die Partys der letzten Jahre zugesetzt haben. Sie nimmt einen beherzten Schluck aus ihrem Glas, dann zeigt sie nacheinander auf den Fürsten und mich, befiehlt „Du hier, du da!“ und weist uns damit Plätze links und rechts von ihr zu. Mir kommt vor, die Geste verfehlt ihre dramatisch-erotische Wirkung, dennoch lassen wir uns ohne Protest neben ihr nieder.
Konstanze zeigt mit beiden Händen anklagend auf ihren Arbeitsplatz und verkündet: „Bis vor 10 Minuten bin ich vor meinem Heim-Solarium gesessen und habe geackert wie ein Gaul – und jetzt habt ihr zwei tollen Männer mich befreit! Dankbarkeit!“
Dann dreht sie sich zu mir um, wie zu einem schwierigen Kind, dem man ungeteilte Aufmerksamkeit schenken muss, und fragt frech: „Und wer bist du jetzt noch einmal?“
Ich bin der Mann, der nicht hier sein sollte.
„Ich bin Leos neuer Schützling. Er bringt mir bei, was er weiß, stellt mir die verführerischsten Frauen vor und gestattet mir, den Prosecco zu bezahlen.“
Konstanze sieht mich enttäuscht an: „Und ich dachte, du bist ganz was Eigenes. Einen Leo gibt’s schon, die Welt braucht nicht zwei davon. Warum müsst ihr Männer euch immer gegenseitig imitieren?“
Der Fürst mischt sich ein: „Bitte, Stanzerl, er spricht von dir als eine verführerische Göttin, gib ihm eine Chance!“
Konstanze umgreift sogleich meine Arme, zieht meinen Kopf an ihre Schulter und tröstet mich: „Natürlich kriegt er eine Chance! So ein Lieber, mit seinen Wuschelhaaren und den traurigen Augerln.“
Ich rieche Konstanzes Schweiß und ein Parfum, das zu einer jüngeren Frau passen würde, beides macht sie mir sympathisch, ich kneife sie zart in die Rippen, sie quiekt fidel, und der Fürst ruft: „Immer fair spielen, Kids!“
Konstanze bringt sich wieder in eine geordnete, aufrechte Position und als sie uns beide abwechselnd mustert, scheint sie auch ein wenig Klarheit gewinnen zu wollen, was hier gerade passiert: „Ihr beiden Lustigen, was treibt ihr da eigentlich? Habt ihr keine Mädels, die daheim auf euch warten?“
Ich antworte mit einem schiefen Lächeln, wobei ich mir denke, gut, jetzt wird es billig: „Also, ich fühl mich hier schon wie daheim ...“
Konstanze lässt die Schultern fallen, ihr Kopf gerät in leichte Seitenlage, ihre Lippen formen einen angedeuteten, ironischen Kussmund, und die Stirn runzelt sich grüblerisch. Ich vermute, das bedeutet: Das war jetzt wirklich völlig niveaulos, außerdem noch ausweichend, immerhin aber so etwas wie der Versuch einer Einschmeichelung.
Der Fürst meint lakonisch: „Ich bin Freibeuter. Wo ist nochmal die Toilette?“
Konstanze zeigt ihm den Weg zum Klo, hantiert dann für einige Momente in der Küche, um sich anschließend wieder aufs Sofa fallen zu lassen – allerdings mit einem erheblich vergrößerten Sicherheitsabstand zu mir. Sie hat eine halbleere Flasche irgendeines Likörs und drei unterschiedliche Gläser mitgebracht. Sie schenkt uns ein, dann reicht sie mir ein Glas. Ihres stellt sie sofort wieder ab, fährt sich durch die Haare und fragt mich völlig ernsthaft, und in einem Ton, der nach einer interessanten Unterhaltung zwischen Thirty-Somethings in der Aufbau-Phase ihrer unternehmerischen Selbständigkeit klingt: „Und, in welcher Branche bist du unterwegs?“
Ich antworte knochentrocken:
„Bräunungsstudios.“
„Ah, interessant. Kann man da was verdienen?“
„Ich bin ganz zufrieden.“
„Braucht ihr da irgendwie Drucksorten, Visitkarten, Folder oder vielleicht eine Website? Ich fotografiere auch, also wenn da was wäre ...“
„So Prospektchen haben wir, und die Homepage hat mir ein Freund gemacht, der kennt sich mit diesem HTML-Zeugs ein bisschen aus.“
„Wow, fit for Future. Naja, falls ihr da mal ein bisschen aufrüsten wollt, kannst du mich gerne anrufen.“
„Aber ja, klar.“
Ein Moment des Schweigens entsteht, den ich nütze, um den Likör runterzuschütten. Konstanze tut es mir gleich. Ich lasse meinen Blick ein wenig verlegen durch den Raum wandern, bis sie das Gespräch wieder aufnimmt, diesmal aber mit einem Schmelz süßer Frechheit in der Stimme:
„Und wie läuft das so? Dir gehören diese Bräunungsstudios? Oder arbeitest du dort?“
„Also genau genommen geht es hier um 1 Stück Bräunungsstudio, das ich gemeinsam mit meinem Bruder führe. In der Reinprechtsdorfer Straße, vielleicht kennst du es ja?“
„Da muss ich passen.“
„Naja, es gibt ja auch viele. Kenne auch nicht alle.“
„Kann es sein, dass du ein ganz spezieller Freak bist?“
„Ich bin nur ein einfacher Solarium-Besitzer.“
„Das nehme ich dir so was von nicht ab ... Sag, wie heißt du noch mal?“
„Clemens.“
„Irre.“
Konstanze beginnt, sitzend auf dem Sofa auf und ab zu hüpfen, dabei kichert sie laut „hihi“ und scheint einen riesigen Spaß zu haben. Der Fürst kommt in Begleitung einer Frau von der Toilette zurück. Sie trägt nichts außer einem extraweiten TShirt mit dem Logo des Cirque de Soleil und einer Boxer-Shirt und wirkt einigermaßen schlaftrunken. Der Fürst führt sie an der Hand herein und erklärt mit einem breiten Lächeln im Gesicht, das nach „Ich hab sie gefunden, also gehört sie mir“ aussieht: „Bibi ist von uns wach geworden, da hab ich sie gleich mitgebracht!“
Bibi dürfte vielleicht zwei, drei Jahre jünger sein als Konstanze. Sie trägt lange, dunkelrot gefärbte Dreads und Nasenpiercing. Ihre ausladende Oberweite, das weiche, leicht sommersprossige Mondgesicht und das wackelnde Bäuchlein stehen im beinahe karikaturhaften Gegensatz zu ihren dürren, stelzenhaften Beinen. Ich vermute, tagsüber trägt sie grüne Martens, Wollstrumpfhosen, karierte Röcke und irgendwelche geschnürten Tops oder Anarcho-Message-Shirts. Genausogut kann es aber sein, dass sie nur in schwarzen Hosenanzügen rumläuft und T-Mobile oder Universal Viralkampagnen für werberesistente Zielgruppen verkauft. Es ist schwer, Menschen einzuschätzen, die gerade von Betrunkenen aus dem Bett geholt wurden.
Bibi und der Fürst setzen sich auf die Couch. Bibi gähnt dramatisch, stützt ihr Gesicht auf zwei Fäuste auf und verkündet matt: „Ihr habt sie echt nicht mehr alle.“
Alle lachen, ich auch, obwohl ihr Spruch kein bisschen lustig war. Aber ich kenne das: Wenn jemand, der gerade erst aus dem Bettchen gekrochen ist, zu einer Runde stößt, die schon seit einiger Zeit munter und albern ist, erntet man mit so ziemlich jeder Meldung einen dicken Lacher. Bibi ist dankbar über den Zuspruch, den sie erhält, und zwinkert müde aber fröhlich in die Runde. Auch Bibi bekommt ein Glas Likör gereicht, und wir alle kippen das süße Zeugs zuversichtlich in uns hinunter. Mir kommt ein sonderbarer Gedanke: Hätte ich Konstanze oder Bibi vor 15 Jahren kennengelernt – Bibi bei einem Arena-Fest, Konstanze an einem heißen Surf-Spot – wären sie die perfekten coolen, älteren Freundinnen gewesen, die einen in die jeweilige Szene und die Freuden von Haschisch-Sex eingeführt hätten. Jetzt aber sitzen wir hier gemeinsam mit dem Fürsten, und mir kommt vor: Die besten Zeiten haben wir hinter uns. Ich ärgere mich über mich selbst, so etwas zu denken, wer will schon ernsthaft behaupten, die Jungen wüssten besser, wie man lebt? Mir fällt ein, dass ich heute noch nichts Neues getan habe (meinen Bruder aus der Bahn geworfen, mit Armin debattiert, einen säumigen Schuldner aufgespürt, eine ziellose Fahrt durchs nächtliche Wien unternommen, ... – alles schon da gewesen!), also beschließe ich, eine amüsante Frage, mit der alle etwas anfangen können, in die Runde zu werfen, etwas was mir völlig wesensfremd ist, auch wenn ich manchmal dankbar bin, wenn jemand anderer genau das tut.
„He, was habt ihr vor 15 Jahren so getrieben?!“
Konstanze antwortet cool: „Ich bin froh, dass ich weiß, was ich vor 15 Minuten gemacht habe.“ Weil sie so flott mit dieser Meldung da war, dachte Konstanze offenbar, sie wäre auch ziemlich schlagfertig – leider bringt ihr dieser Schnellschuss aber nicht mehr als mildes Lächeln ein.
Der Fürst wundert sich: „Wieso gerade vor 15 Jahren?“
Ich weiß es ja selbst nicht wirklich, sage aber: „Weil die frühen Neunziger einfach eine coole Zeit waren!“
Der Fürst sieht mich aufrichtig überrascht an: „Wirklich?“
„Natürlich, oder Mädels?!“
Bibi denkt angestrengt nach, dann sagt sie: „Also vor 15 Jahren – so in etwa – habe ich das Pädagogikstudium geschmissen, bin aus der WG am Bahnhof raus und zu meiner Mama zurück in die Wohnung. Ich hab dann viel genäht und mit Schnitten experimentiert und bin überhaupt mehr in die, äh ... produzierende Richtung gegangen.“
Ich nicke ihr aufmunternd zu, dann wende ich mich an ihre Mitbewohnerin: „Konstanze, du!“
Konstanze hat wenig Freude an diesem kollektiven Rückblick.
„Also, da war ich mit ... Steven zusammen. Er war – also ist – Amerikaner und hat Eishockey bei einem Verein hier in Österreich gespielt. Ja, und ich habe für das Team fotografiert und bin zu den Auswärtsspielen mitgereist und äh ... habe bei der Fanclub-Betreuung geholfen, so weit das nötig war. Im Jahr darauf, also 93, da ist er dann aber erblindet, das war furchtbar ...“
Der Fürst wirft mir einen alarmierten Blick zu, was ich denn mit meinen Partyspielen hier eigentlich anzurichten gedenke ...
Konstanze setzt jedoch heiter fort: „Das ging aber vorbei und Ende des Jahres konnte er wieder sehen wie ein Lachs!“
Bibi packt ihre Freundin am Arm und kreischt: „Wie ein Luchs, du Depp, wie ein Luchs!“ Auch Konstanze kreischt jetzt aus Verlegenheit, die zwei Frauen fallen sich in die Arme und rangeln – atemlos vor Gelächter – miteinander. Der Fürst und ich füllen die Gläser nach, wir prosten, trinken und lachen wieder. Der Hund springt aufs Sofa und will mitspielen, und wir alle möchten ihn streicheln. Selbstverständlich bemerken Konstanze und Bibi, dass unsere Hände – also die des Fürsten und meine – auch die Arme und Schenkel der Frauen berühren, natürlich in keiner Weise abgesprochen, sondern nur aus dem Moment heraus, aber dann eben doch mit einer gewissen Bedeutsamkeit.
